Presse
23.11.2010 Mehr Geld vom Land für die wissenschaftliche Beratung von mehr Stadt- und Landkreisen
(Stuttgart, 23.11.2010) Wir freuen uns sehr, dass das Sozialministerium unsere Anregungen aufgenommen hat und die lokalen Netzwerke und Kooperationen für das Funktionieren der Frühen Hilfen zum Kinderschutz in den Stadt- und Landkreisen von Baden-Württemberg weiter forcieren will.
Entgegen seinem ursprünglichen Plan hat das Land inzwischen seinen Mittelansatz für ein Jahr um 40 Tsd. Euro auf 290.000 Euro aufgestockt. Damit wird die beratende Unterstützungsleistung des Universitätsklinikums Ulm und des KVJS für zwischenzeitlich 18 ausgewählte Stadt- und Landkreise beim Aufbau und der Verstetigung eines verbindlichen Netzwerkes honoriert.
Pressemitteilung: Gütesiegel „Netzwerk Frühe Hilfen und Kinderschutz“
Fachartikel: Kinderschutz gibt's nicht zum Nulltarif von Berenike Strehlow
19.10.2010Kinderschutz gemeinsam verbessern!
Fachkongress „Frühe Hilfen – Interdisziplinärer Kinderschutz in Baden-Württemberg“
(Stuttgart 19.10.2010) Mangelnde Koordination und zu späte Einbeziehung von helfenden Systemen hat sich in der Vergangenheit immer wieder als Nachteil zur Vermeidung von Kindeswohlgefährdung erwiesen. Berufsgruppen, die frühzeitig Einblick in soziale Familiensysteme erhalten, nämlich Schwangerenberatungsstellen, Entbindungskliniken, Hebammen, Kinderärzte, sind in ein Netzwerk der „Frühen Hilfen“ einzubinden. Die Systeme der Gesundheitsdienste sind mit der Jugendhilfe und diese mit der Familiengerichtsbarkeit in verbesserte Kooperation zu bringen, um für die Wahrnehmung von Vernachlässigung und Kindeswohlgefährdung zu sensibilisieren.
Ein Zeichen für die wachsende Wahrnehmung von gefährdeten Kindern ist die angestiegene Zahl der in Obhut genommen Kinder in den letzten Jahren in Baden-Württemberg. Laut Berechnungen des Statistischen Landesamtes Baden-Württemberg sind die Fälle 2009 im Vergleich zu 2007 von 2.095 auf 2.736 gestiegen. Wir sehen jedoch in der Herausnahme des Kindes aus seiner Familie nicht das alleinige Allheilmittel des Kinderschutzes. Ein wirksamer und präventiver Kinderschutz braucht ein flächendeckendes Netzwerk an frühen Hilfen, das allen Kindern und Familien in Baden-Württemberg vor Ort adäquate Unterstützung garantiert. Fast 200 TeilnehmerInnen aus allen Bereichen des Kinderschutzes nahmen am Fachkongress teil.
Wir brauchen ein flächendeckendes Netzwerk an Frühen Hilfen in Baden-Württemberg“, betont Hansjörg Böhringer, Landesgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Baden-Württemberg. „Denn alle Kinder ob auf dem Land, in der Stadt, in Baden wie in Württemberg oder Hohenzollern haben das Recht auf Schutz. Das neue Projekt "Gütesiegel" für den Kinderschutz" der Landesregierung ist ein wichtiges Signal in die richtige Richtung. Doch dies wird noch nicht reichen, um die Aufgabe vor Ort seriös umzusetzen. Der Handlungsbedarf ist doch viel größer: Von den 48 Jugendämtern in unserem Land haben nach einer Umfrage 2008/2009 erst 37 interdisziplinäre Arbeitskreise, sehr unterschiedlicher Güte - zum Themenbereich Frühe Hilfen, Prävention und „Guter Start ins Kinderleben“ eingerichtet“, so Böhringer.
In einer zunehmend komplizierter gewordenen Welt von Zuständigkeiten verschiedenster Träger sind viele Familien nicht in der Lage, sich selbst Hilfe zu holen. Deshalb brauchen Familien vor Ort ein verbindliches und differenziertes Hilfeangebot. „ Verbindlich organisierte Netzwerke haben deutlich höhere Erfolge in der „Frühen Hilfe“ als unverbindlich organisierte Netzwerke"., erklärt Reinhard Steinhübl, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Kinderschutzbundes, Landesverband Baden-Württemberg.
Dabei muss das Netzwerkmanagement federführend beim Jugendamt liegen. Die Netzwerke selbst müssen flexibel und entwicklungsoffen sein. „ Um einen wirksamen Kinderschutz in ganz Baden-Württemberg zu garantieren, muss das Land den flächendeckenden Aufbau von „Koordinierungszentren Kinderschutz“ vorantreiben. „Das geht nicht zum Nulltarif. Die Kommunen und Kreise brauchen dazu die entsprechenden finanziellen Mittel vom Land“, so Prof. Dr. Hans-Jürgen Schimke, Jurist und Kinderschutzexperte.
Im Ortenaukreis funktioniert der Kinderschutz mit einem Meldesystem. In Form eines Erfassungsbogens sollen Schwangere, Gebärende oder Wöchnerinnen begleitet und soziale Risikofaktoren erkannt werden. Mit einem Ampelsystem (grün, gelb, rot) werden die Mütter in Risikogruppen eingeteilt, was zunächst zu einem vertiefenden Gespräch führen kann, in dem diese Auffälligkeiten abgeklärt und vielleicht auch aufgelöst werden können. Wenn diese Probleme weiterhin erkennbar sind, wird im Einverständnis mit den Müttern die Fachstelle „Frühe Hilfen“, die für den Wohnbezirk der Familie zuständig ist, informiert und eingeschaltet. „All dies ist nur möglich geworden, weil erstens der politische Landkreis ausreichend Mittel zur Verfügung gestellt hat und zweitens alle beteiligten Professionen und Gruppierungen das Konzept gemeinsam erarbeitet haben“, erklärt Dr. Jens Uwe Folkens, Chefarzt der Kinderklinik am Klinikum Offenburg. Dadurch kommt auch eine hohe Akzeptanz zustande, eine Voraussetzung für den Erfolg „Früher Hilfen.
Im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald ist es gelungen ein flächendeckendes Netzwerk an „Frühen Hilfen“ zu entwickeln. Dazu gehört ein präventives Besuchsprogramms für junge Familien - das Baby-Begrüßungsprojekt „Kiwi – Kinder willkommen bei uns“. Junge Familien bekommen ein Willkommensgeschenk mit wichtigen Informationen und mit nützlichen Artikeln und auf Wunsch zudem weitergehende Hilfestellung und Beratung angeboten. „Wir bringen nicht nur neue Projekte auf den Weg, sondern es entstehen vor allem auch Netzwerke, in denen sich die Bündnispartner und -partnerinnen gegenseitig mit ihren familienfreundlichen Modulen Impulse geben und konkrete Angebote für Familien entwickeln“, erläutert Eva-Maria Münzer, Sozialdezernentin im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald. Nur mit dem Aufbau und der Unterstützung von lokalen Netzwerken im Bündnis können wir Prävention und Intervention frühzeitig verzahnen und die Lebensumstände von Kindern und Eltern in allen relevanten Bereichen nachhaltig positiv beeinflussen.“
Der PARITÄTISCHE Baden-Württemberg und der Deutsche Kinderschutzbund LV Baden-Württemberg fordern von der Landesregierung ein Ende der Pilotphase mit immer neuen, zeitlich begrenzten Projekten. Die nachhaltige Implementierung lokaler Vernetzung im Bereich „Früher Hilfen“ und im Kinderschutz ist jetzt das Gebot der Stunde in Baden-Württemberg.
Pressemitteilung: Kinderschutz gemeinsam verbessern
Statement Reinhard Steinhübel
Statement Dr. Jens Uwe Folkens
Statement Hansjörg Böhringer
Statement Eva-Maria Münzer
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